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Materialschlacht

Feine Papierarbeiten und Zeichnungen hatten es schwer, sich zur diesjährigen Kunstmesse abc in der Station Berlin durchzusetzen – bei all dem harten Stein, den monströsen Skulpturen und dem plastischen Gewächs, das die Hallen schon allein räumlich für sich einnahm.

Die art berlin contemporary ist bekannt dafür, mehr ein Jahrmarkt als eine snobistisch White-Wall-Kunstausstellung zu sein. Die Grenzen zu bunter, lichterfroher Kirmes und Kuriositätenkabinett sind fließend. Dieses Jahr sorgten bizarre organische Gebilde für jede Menge Ah-und Oh-Momente. So manche amorphe Materialtollerei spielte dem Auge einen Streich.

Peter Buggenhouts mit Sand überzogene Müllhaufen muteten wie untergegangene Schiffswracks oder postatomare Landschaft an. So manchem Besucher kam auch die makabere Wolfsschanze in den Sinn.

sand skulptur peter buggenhout

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Wer sind die neuen Berliner Dandys?

Die Anti-Dandys sind die neuen Dandys. Sie sind ungezogen, selbstironisch, lieben Sex und Drogen und haben Spaß an Mode.

Die Berliner Dandys haben so gar nichts zu tun mit den Typen, die man im kürzlich erschienenen Buch I am Dandy. The Return of the Elegant Gentleman begutachten kann. Dort wimmelt es so von herausgeputzten jungen Männern, die peinlich auf jedes Detail achten, in ihrer Umgebung und an sich selbst. Einstecktuch, Weste, Manschettenknöpfe sind für sie die Garanten von Eleganz und Extravaganz. Sie sehen aus, als könnten sie jederzeit eine alte Dame zur Oper begleiten. Von Jugendwahn und Provokation keine Spur. Während der britische Dandy schon immer auch ein bisschen Snob war, war der Berliner Dandy immer auch Geck. Die Berliner Dandys sind cool und wirken nicht so, als hätten sie die Kleiderkiste ihres verstorbenen adligen Großvaters geplündert. Sie würden sich wahrscheinlich noch nicht mal als Dandys bezeichnen. Sie fallen lieber auf.

Die Berliner Dandys, die gerade alle Bars, Frontrows und Partys von Wichtigkeit aufwirbeln, tragen schon mal Nagellack, oder Pelzstola, oder Paillettenblazer. Aber sie zelebrieren auch das Abgefuckte und Raue, und das nicht zu selten. Bestes Beispiel der modernen Großstadt-Dandys sind die Bad Boys der Berliner Bloggerszene: Die Blogger David Kurt Karl Roth und Carl Jakob Haupt wechseln so oft Haarfarbe und -frisur wie ihre Accessoires und dokumentieren alles auf dandydiary.de. Ihr Look: ein Mix aus reichem Rüpelsohn, Hip-Hop-Duo LMFAO, Ghettogoth und Fetisch. Gentlemanhafter treten dagegen der Flaneur Friedrich Liechtenstein und der Sprach-Provokateur Benjamin von Stuckrad-Barre auf. Sie tragen, womit sich viele Männer nicht vor die Tür trauen würden: Edel-Hausmantel (Liechtenstein) und weißer, enger Anzug (Stuckrad-Barre). Und bleiben doch unnahbar. Ihr Motto: hipper Eskapismus! Dass man Dandy sein kann und sich dabei nicht zu ernst nehmen muss, beweisen auch Stylist und Kolumnist Jan Luckenbill und Berlin-Mitte-DJ Conny Opper. Luckenbill, obwohl noch jung, inszeniert sich auf Fotos schon als autoritärer Mode-Papst mit Haartolle und Schal. Conny Opper dagegen ist der mit dem Glitzer-Lidschatten und dem Pailletten besetzten Blazer, aus dem eine Lichterkette heraushängt. Den Tunten-Disco-Kitsch beherrscht er wie kein zweiter heterosexueller Mann in Berlins Partyszene.

 

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Dinkelburger und Jogi-Tee

cafe berlin Foto- Egan Snow _ flickr.com

Foto: Egan Snow / flickr.com

Eine Entwicklung ist in Berlin zu beobachten, die sich nicht mehr leugnen lässt: Die Männer zwischen 30 und 50 gleichen sich den Frauen hinsichtlich ausgefallener Wohlfühlernährung immer mehr an. Sie machen sich die kapriziösen Essgewohnheiten des anderen Geschlechts zu eigen. Laktosefreie Milch, Reiswaffeln, glutenfreies Müsli, Jogi-Tee, frischer Ingwer und Sojajoghurt. Das alles findet sich längst auch in männlichen Single-Küchen. Sehr zum Erstaunen der weiblichen Gäste, die zu Besuch kommen und Wohlfühltee oder handaufgeschäumten Sojamilchcappuccino angeboten bekommen. Und vor allem: Die hippen Mitte-Männer stehen in aller Öffentlichkeit zu ihren feminin anmutenden Ernährungsticks. Zunehmend trinken auch sie ihren laktosefreien Latte in den Cafés, um keinen Pupsi-Bauch zu bekommen. Oder sie bestellen grüne Smoothies als Teil ihrer Detox-Kur. Sie finden Gefallen an Veggie-Burgern und exotisch klingenden Gemüsesorten wie Topinambur. Soll man das als Zeichen einer fortschreitenden Verweichlichung der Männer auffassen oder sich über diese Entwicklung freuen? Fakt ist, dass die Domänen Fitness, Wellness, Beauty-Food, Entschleunigen und Balance inzwischen nicht mehr nur den Frauen gehören. Einkaufen im Bio-Supermarkt gehört nun auch für viele Männer genauso zum Alltag wie der Besuch eines Jogakurses oder die Teilnahme an einer Familienaufstellung.

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Von der ganzen Milch endlich rein gewaschen.

Warum der Entertainer Friedrich Liechtenstein im Radialsystem auf der Bühne duscht und die jungen Mädchen über sein Alter rätseln.

L’après-midi d’un Faune“ von Claude Debussy läuft im Hintergrund. Friedrich Liechtenstein hat angekündigt, dass er jetzt tanzen wird. Er steht im dunklen Anzug auf der Bühne des Radialsystems und hat die Sonnenbrille auf. Dass der Entertainer gerne nonchalant in der Welt herum tänzelt, weiß man inzwischen. Seine Musikvideos sind voll von Tanzeinlagen, mal in Berlin-Mitte, mal zwischen Supermarktregalen. Und nun beginnt er auch das Release Konzert zu seinem neuen Album mit einer Art Tanz. Würde man sich einen schelmischen Faun tanzend vorstellen, er sehe genau so aus. Liechtenstein bewegt sich wie ein verzückter Troll. Dann macht er die zweite Ankündigung des Abends: „Ich werde jetzt duschen und die ganze Milch mal abwaschen.“ Liechtenstein knöpft erst das Hemd auf, dann streift er die Hose ab und steht nur noch in roten Socken und Unterhose da. Damit hatte das Publikum ganz sicher nicht gerechnet. Dass ein Entertainer auf der Bühne duscht, kommt ja auch eher selten vor. Im Falle von Liechtenstein hat es aber eine Bewandtnis: Die Milch muss ab. Und nicht irgendeine, sondern die Edeka-H-Milch. Wir erinnern uns: Im Edeka-Werbespot, der Liechtenstein bekannt und zu „Mr. Supergeil“ gemacht hat, badete er in der H-Milch-Hausmarke. Nun greift er zum symbolischen Duschakt, um sein Image als Werbeikone abzuwaschen. Ob die äußerst bedeutungsschwangere Geste beim Publikum vollständig ankam, bleibt offen. Es war auch so ein sehr amüsanter Anblick.

liechtenstein konzert 2Was im ersten Teil mit der Dusche klein anfing, geht nach der Pause groß weiter. Es rauscht. Wieder fließt Wasser. Die Projektion eines gigantischen Wasserfalls taucht vor den Augen des Publikums auf. Ein wild romantisches Bild, es könnte aus einer Freischütz-Opernaufführung stammen. Wer schon mal da war, erkennt ihn wieder: es ist der unersättlich tosende Wasserfall im Zentrum des Alpen-Kurortes Bad Gastein. Jener Ort, der Friedrich Liechtenstein zu seinem neuen Konzeptalbum inspirierte. Darin geht es um Frauen, Sehnsüchte, Enttäuschungen, also all die Erinnerungen, die ein älterer Herr wie Liechtenstein so im Laufe des Lebens anhäuft. Frisch geduscht und in seinen silbergrauen Hausmantel gehüllt, erzählt er davon in seinem Song „Belgique, Belgique“, einer Art fantastischer Autobiografie. Der melancholisch verklärte Rückblick eines Mannes, der viele Rollen und Frauen tauschte. „1958, da war ich das erste Mal in Belgien, in Brüssel, auf der Expo. Ich war damals 30 Jahre alt, ich war freundlich und sah extrem gut aus.“ So beginnt die Geschichte. Wer den Song zum ersten Mal hört, möchte sie für Liechtensteins eigene halten. Ein verrücktes Leben mit unvorhergesehenen Wendungen, das traut man ihm zu. Aber dann wäre er ja jetzt 86 Jahre alt. Zwei Mädchen tuscheln im Publikum: „Ist der wirklich schon so alt? Sieht gar nicht so aus.“

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Was möchte uns Frau von der Leyen damit sagen?

aktiv andersDie Werbeslogans des Bundesministeriums für Verteidigung wollen besonders originell sein, punkten aber nicht gerade mit Aussagekraft und Feingefühl.

Seit Ursula von der Leyen das Amt des Ministers für Verteidigung Ende 2013 übernommen hat, weht ein femininer Wind am Bendlerblock in der Stauffenbergstraße. Riesige Bundeswehr-Werbebanner mit Frauen sind an der Tagesordnung. An sich nichts Besonderes. Schließlich steigt die Zahl der weiblichen Soldatinnen wie auch die Möglichkeiten für Frauen, Karriere bei der Bundeswehr zu machen. Wer aber genauer hinschaut, rätselt über die Botschaft, die von den Plakaten ausgehen soll. Zurzeit prangen dem Passanten drei Adjektive entgegen, daneben das Foto einer freudig lächelnden Frau in blauer Dienstkleidung. Aktiv. Attraktiv. Anders.

Hat man sich so die perfekte Frau bei der Bundeswehr vorzustellen? Als aktiv bezeichnet man im Allgemeinen Frauen, die viel Sport treiben, aber auch solche, die viel Sex haben. Dass die Soldatinnen tätig sind, ist wichtig, keine Frage, aber warum ist es erwähnenswert, dass sie auch attraktiv sind? Da noch ein drittes Adjektiv fehlte, um die A-Trias abzurunden, entschied man sich für „Anders“, was jedoch den Beigeschmack von „Seltsam, andersartig“ hat. Dabei wollte man doch eigentlich sagen „besonders, hervorragend“. Wer über den Slogan nachgrübelt und seinem tieferen Sinn auf den Grund gehen will, der wird auf der Seite der Bundeswehr aufgeklärt. Und siehe da, der Slogan soll gar nicht die Frau bei der Bundeswehr beschreiben, sondern die Bundeswehr selbst. Das macht die Sache leider auch nicht besser.

bundeswehr

Bild gefunden auf: frauenrat.de

Irgendwie seltsam mutete schon der vorherige Bundeswehr-Banner an der gleichen Stelle an. „Schön Bund. Soldatin in der Bundeswehr“ stand auf der Fotografie, die eine junge Frau in Tarnuniform und geschwärztem Gesicht zeigte. Abgesehen davon, dass die zwei losen Wörter keiner grammatikalischen Logik folgen, ist der Titel auch sonst irgendwie unpassend, da ohne klar verständliche Botschaft. Man denkt an romantisch-völkische Mädchenvereinigungen wie „Bund Deutscher Mädel“ oder aber an „schön bunt“. Beide Assoziationen können wohl nicht die Absicht des Auftraggebers gewesen sein. Aber was wollte uns Frau von der Leyen dann damit sagen? Blumen, Mädchen, das Wetter sind schön. Aber die Bundeswehr schön nennen? Das hieße doch, sie auf das Niveau einer gut gelaunten Sonnenschein-Truppe herabzustufen. Man wird das Gefühl nicht los, dass die Ministerin höchstpersönlich an den Slogans mitgetextet hat. Oder die beschäftigte Werbeagentur folgte konsequent dem Leitsatz „Was der Kunde will, bekommt er auch.“

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Busse sind Berlin- Touris zu langweilig.

Hauptsache, es ist genug Bier da: Bierbike in Berlin (by Amy Dianna flickr.com)

Hauptsache, es ist genug Bier da: Bierbike in Berlin (by Amy Dianna flickr.com)

Warum Berlin sich zur Hauptstadt der Spaßfahrzeuge entwickelt.

In Venedig lässt man sich in einer Gondel durch die Kanäle schaukeln. In Wien wird man großzügig und sehr nostalgisch durch habsburgische Pracht gekutscht. In Amsterdam leiht man sich für Sightseeingtouren ein Fahrrad aus. In London steigt man klassisch in einen der roten Doppeldeckerbusse. Und was machen die Touristen in Berlin? Die fahren nicht mehr alle nur mit dem 200er Stadtbus oder einfach mit der U-Bahn. Besonders den vielen halbstarken Männertruppen, die in Berlin einen drauf machen wollen, sind die altbewährten Beförderungsmittel zu langweilig. Fahrende Biertheken erfreuen sich großer Beliebtheit bei Männergruppen, die wohl der Auffassung sind, dass Reichstag, Brandenburger Tor und Co. im betrunkenen Zustand interessanter aussehen. Wenn sie überhaupt dazu kommen, einen Blick darauf zu werfen. Offiziell heißen diese privaten Kneipen auf vier Rädern „Bierbikes“. Schließlich müssen die Beteiligten das Gefährt durch selbstständiges Treten am Laufen halten. Von sportlicher oder kultureller Betätigung kann aber trotzdem nicht die Rede sein. Nach Etablierung der Bierbikes hatte es nicht lange gedauert, dann kam ein anderer Betreiber darauf, dass sich Seifenkisten-Kolonnen auf den breiten Berliner Boulevards auch gut machen würden. So wundert sich derzeit so mancher Autofahrer, was die kleinen Verkehrshindernisse auf den Straßen zu suchen haben. Aber wo sollten sie auch sonst fahren? Die Fahrradwege werden schließlich schon von Segways, Rikschas, Fahrrädern (ja auch denen) und Schulklassen eingenommen. Doch das ist längst nicht alles, das dem Spaßtouristen geboten wird. Die ganz Bräsigen, die nicht mal mehr Bier trinken wollen, können sich, unter eine Bettdecke gekuschelt, durch Berlin fahren lassen. In einem Bett liegend. Das nennt sich dann „Berlin horizontal“. Diejenigen, die sich jetzt wild fummelnde Pärchen auf vier Rädern vorstellen, werden leider enttäuscht. Es sind ja doch nur faule Touristen, die denken, dass es eine besonders originelle Idee sei, eine Stadt im Liegen zu entdecken. Auch die prolligen Stretchlimousinen, die hier und da den Corso auf- und abfahren, beeindrucken keinen mehr. Als ob man nicht wüsste, dass hinter den getönten Scheiben nichts weiter als ein lärmender Junggesellenpulk sitzt. Nicht auszudenken, wozu sich Leute noch hinreißen lassen werden. Espresso-Bikes, Barbecue-Bikes, Sex-Bikes, alles scheint möglich.

Wo führt dieser Spaßtourismus hin? Übertreibt es Berlin mit seiner unlimitierten Spaßtoleranz? Wollte die Stadt nicht irgendwann mal sexy sein? Berlin hat ganz offensichtlich ein Problem: Die Stadt möchte von allen gemocht werden und weist keinen wirklich zurück. Etikette gibt es nicht, vor allem nicht für Touristen. Wer möchte schon als Spaßverderber abgestempelt werden? Berlin nicht. Die Stärke der Stadt, mit allem Neuen, mit jeglichem Eindringen von außen lässig umzugehen, ist auch ihre Schwäche. Sie ist der Nährboden für Verrücktes, Abartiges, Prolliges, Ungewöhnliches. Viele Touristen kommen nach Berlin, um endlich mal die Sau raus zu lassen. Hier machen sie das, was sie sich in ihrer Provinzheimat nicht trauen: sich daneben benehmen, wild und ausgelassen sein, sich anders anziehen und provozieren. Das ist leider alles andere als sexy.

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Der Berliner rennt überall hin…

neue nationalgalerie 2 klein

Über der Neuen Nationalgalerie steigen Lichtpolypen auf und die Massen strömen hin. Warum der Berliner jedes Event mitmacht – egal welches.

Es ist Samstag. Es ist Sommer. Traumtemperaturen und ärmelfreies Kleidchen auch noch am Abend, so kennt man es vor allem aus dem Italien-Urlaub. Aber manchmal ist eben auch in Berlin richtiger Sommer. Wie an diesem Samstag. Und was macht der Berliner? Er hat gehört, dass heute Abend der Nachthimmel bespielt werden soll. Ein „Sky Art Event“. Wenn der Berliner „Event“ hört, wird er neugierig. Er wittert die Chance, Teil einer besonderen, unwiederbringlichen Begebenheit zu werden. Wenn er noch dazu hört, dass der Eintritt frei ist, dann fällt ihm kein Argument mehr ein, nicht hinzugehen. Ja, er ist geradezu freudig erregt: Es wird etwas geboten in der Stadt und auch er ist eingeladen. Zwar gibt es Open-Air-Großereignisse wie Gallery Weekend oder Festival of Lights, aber Kunst-Spektakel sind in Berlin doch eher selten. Umso größer ist der Andrang, wenn mal etwas passiert. Tausende Schaulustige umrunden die Neue Nationalgalerie, kampieren auf Boden und Stufen, pilgern die Potsdamer Straße rauf und runter. Man staunt schon, wie viele Leute gekommen sind, um drei mit Luft aufgeblasene Sterne zu sehen, die sich auf dem Dach der Neuen Nationalgalerie heben und senken. Aber es sind ja auch nicht irgendwelche Sterne. Der kurz vor dem Event verstorbene Künstler Otto Piene hat sie erdacht. Wie die Tentakelarme eines Wasserpolypen räkeln sich die Lichtskulpturen in den Berliner Nachthimmel. Was an diesem Abend wieder mal auffällt: Die Menschenmenge berauscht sich hauptsächlich an sich selbst. Das Kunstwerk wird zur Kulisse für das kollektive Herumstehen der Gruppen. Das ist die positive Seite der Masse: Sie stiftet eine Art Freude und Zusammengehörigkeit. Der Einzelne wird Teil des Großereignisses, der Einsame ist unter Leuten.

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Die Entdeckung des Monats

schule der trunkenheit

Mehr als zehn Jahre Erfahrung und jede Menge Geschichten

Die Schule der Trunkenheit: Das etwas andere Barbuch der Victoria Bar

Der Mensch denkt gerne nach, aber noch viel lieber berauscht er sich. Selbst Mönche sind da keine Ausnahme. Gott schuf den Menschen zu seinem Vergnügen und der schuf den Alkohol. Der brachte ihm Vergnügen und, wie bei allen Sachen im Leben, auch Leid. Der Grad zwischen Betrunkenheit und Hochstimmung ist bekanntlich oft sehr schmal. Trunkenheit will gelernt sein. Das ist die Botschaft der Victoria Bar. Wer gerne gute Cocktails trinkt, wird die Bar in der Potsdamer Straße kennen. Nicht wenige sind an ihrem Tresen schon versackt, weil es so gemütlich war. Seit die Victoria Bar 2001 in einer der damals abgefucktesten Berliner Ecken aufmachte, zählt sie zu den besten Bars Berlins. Mit Spirituosen kennen sich die Barkeeper aus. Aber alle Geheimnisse wollten sie nicht für sich behalten. Das Victoria-Bar-Team um Kerstin Ehmer, Stefan Weber, Beate Hindermann und Gonçalo de Sousa Monteiro erdachte deshalb 2003 die „Schule der Trunkenheit“. Zum Star-Barkeeper wird man durch die Veranstaltungsreihe nicht gleich, aber über Gin, Wodka, Whiskey und Co. wird man danach einiges zu erzählen haben. So vielfältig wie die Spirituosen und Drinks sind nämlich auch die Geschichten ihrer Entstehung. Zu Hause kann man alles im gleichnamigen Buch nachlesen. Wie komplex die Geschichte des Alkohols wirklich ist, hat Kerstin Ehmer, eine der Autoren, bei der Recherche schnell gemerkt: „Alkohol wird in der offiziellen Geschichtsschreibung oft ausgespart, das macht die Recherche mühsam. Alkohol und Kultur und Entwicklung sind tatsächlich sehr stark miteinander verzahnt.“ Die meisten Bar-Bücher sind Rezeptbücher. Dass es weder reines Handbuch noch Fachbuch ist, das macht diese „Kurze Geschichte des gepflegten Genießens“ so besonders.

Gepflegt ging es in der Geschichte des Alkoholkonsums jedoch nicht immer zu. Die Erfolgsgeschichte des Alkohols erklärt sich vor allem auch daher, dass „ernsthaftes Trinken“ den wenigsten ein Begriff war. Es ist eine Geschichte von Besäufnissen ganzer Volksschichten, Manipulationen und tragischen Karrieren, die im Rausch untergingen. Auch Piraten und Matrosen sahen im Alkohol wohl weniger ein Genuss- als vielmehr ein Nahrungsmittel. Seriöse Trinker und Bar-Dandys kommen in der Geschichte natürlich auch vor. Ohne die Anekdoten über die skurrilen Allüren und Trinkgewohnheiten der ein oder anderen Berühmtheit wäre das alles auch nur halb so lustig. Luis Buñuel zum Beispiel, ein klassischer Martini-Trinker, hatte als notorischer Außenseiter seine ganz eigenen Ansprüche an eine gute Trinkatmosphäre. Nicht „Schule der Trunkenheit“ sollte eine Bar sein, sondern eine Schule der Einsamkeit. Sie muss möglichst düster, sehr bequem und vor allem ruhig sein. Jede Musik, auch die Entfernteste, ist verpönt… Höchstens ein Dutzend Tische, möglichst nur Stammgäste, und zwar wenig gesprächige.“ Ob ihm die Victoria Bar gefallen hätte, wissen wir nicht, aber ruhig und einsam geht es da selten zu.

Die Schule der Trunkenheit. Eine kurze Geschichte des gepflegten Genießens, Metrolit Verlag, erschien September 2013. Das Buch ist für 20,- Euro am Tresen der Victoria Bar erhältlich: Potsdamer Straße 102, Berlin. Das neue Spirituosen-Semester beginnt im Oktober: http://www.victoriabar.de

 

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G wie Grandezza

grandezza

Kein anderes italienisches Wort ist zur Zeit in den deutschen Feuilletons beliebter.

Alles und jeder hat heute „Grandezza“. Restaurants, Inseln, Opernsängerinnen, Boulevards, Designer und viele mehr. Journalisten und Kritiker verwenden das italienische Substantiv, wo sie können, als gäbe es einen Preis zu gewinnen. Obwohl ursprünglich als Eigenschaft von Personen verwendet, haben heute selbst Rassehunde und teure Spirituosen „Grandezza“. Aber was steckt für ein Sinn dahinter? So einfach ins Deutsche übersetzen lässt sich das italienische Wort nicht. Es wird meist im Sinne von „Hoheit“ und „Würde“ gebraucht. „Grandezza einer Hollywood-Diva“ etwa, oder „mit der Grandezza eines Weltmannes“. Um nur zwei Beispiele zu nennen, bei denen die Anwendung des Wortes als gelungen bezeichnet werden kann. Wenn ein Journalist aber besonders originell sein will, schießt er auch schon mal über’s Ziel hinaus: „Und nach einer guten Viertelstunde, in der sich 50 Cent und seine beiden Stammgefährten (…) die Zungen lockerten, installierte sich im Hintergrund eine vierköpfige Band. Diese verhalf den Beats von 50 Cents Mentor Dr. Dre zu noch mehr Grandezza.“ Oder: „Grandezza für den finalen Weg. Die letzte Fahrt des Bestattungswagens von Ernst Reuter, Benno Ohnesorg und Marlene Dietrich ins Museum“.

Der ursprüngliche Wortsinn war ein ganz anderer: Zu Beginn des 17. Jahrhunderts fand das spanische Wort „Grandeza“, was soviel wie „Würde eines Granden“ bedeutete, seinen Weg in die deutsche Sprache. Ein Grande war ein Angehöriger des spanischen Hofadels. Sprach man von seiner „Grandeza“, meinte man seinen Stolz, sein hochtrabendes Wesen. Was scheinbar zuerst eine negativ konnotierte Eigenschaft war, wandelte sich später in einen positiven Charakterzug: Erhabenheit, Würde, Noblesse, Selbstbewusstsein. Heute wird das Wort nur noch in der italienischen Schreibweise verwendet. Man kann verstehen, warum es so beliebt ist. Es schafft, was den deutschen Wörtern „Würde“ und „Hoheit“ nicht gelingt: Es kombiniert eine innere Haltung mit einer äußeren Wirkung. „Grandezza“ strahlt eine gewisse Leichtigkeit und Eleganz aus. Für uns Deutsche klingt es nach Weltbürgertum, nach Kosmopolit. Der römische Grandseigneur Jep Gambardella aus dem Film „La grande bellezza“ verkörpert prototypisch das Lebensgefühl, das mit dem Wort einher geht.

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