Kolumne

G wie Grandezza

grandezza

Kein anderes italienisches Wort ist zur Zeit in den deutschen Feuilletons beliebter.

Alles und jeder hat heute „Grandezza“. Restaurants, Inseln, Opernsängerinnen, Boulevards, Designer und viele mehr. Journalisten und Kritiker verwenden das italienische Substantiv, wo sie können, als gäbe es einen Preis zu gewinnen. Obwohl ursprünglich als Eigenschaft von Personen verwendet, haben heute selbst Rassehunde und teure Spirituosen „Grandezza“. Aber was steckt für ein Sinn dahinter? So einfach ins Deutsche übersetzen lässt sich das italienische Wort nicht. Es wird meist im Sinne von „Hoheit“ und „Würde“ gebraucht. „Grandezza einer Hollywood-Diva“ etwa, oder „mit der Grandezza eines Weltmannes“. Um nur zwei Beispiele zu nennen, bei denen die Anwendung des Wortes als gelungen bezeichnet werden kann. Wenn ein Journalist aber besonders originell sein will, schießt er auch schon mal über’s Ziel hinaus: „Und nach einer guten Viertelstunde, in der sich 50 Cent und seine beiden Stammgefährten (…) die Zungen lockerten, installierte sich im Hintergrund eine vierköpfige Band. Diese verhalf den Beats von 50 Cents Mentor Dr. Dre zu noch mehr Grandezza.“ Oder: „Grandezza für den finalen Weg. Die letzte Fahrt des Bestattungswagens von Ernst Reuter, Benno Ohnesorg und Marlene Dietrich ins Museum“.

Der ursprüngliche Wortsinn war ein ganz anderer: Zu Beginn des 17. Jahrhunderts fand das spanische Wort „Grandeza“, was soviel wie „Würde eines Granden“ bedeutete, seinen Weg in die deutsche Sprache. Ein Grande war ein Angehöriger des spanischen Hofadels. Sprach man von seiner „Grandeza“, meinte man seinen Stolz, sein hochtrabendes Wesen. Was scheinbar zuerst eine negativ konnotierte Eigenschaft war, wandelte sich später in einen positiven Charakterzug: Erhabenheit, Würde, Noblesse, Selbstbewusstsein. Heute wird das Wort nur noch in der italienischen Schreibweise verwendet. Man kann verstehen, warum es so beliebt ist. Es schafft, was den deutschen Wörtern „Würde“ und „Hoheit“ nicht gelingt: Es kombiniert eine innere Haltung mit einer äußeren Wirkung. „Grandezza“ strahlt eine gewisse Leichtigkeit und Eleganz aus. Für uns Deutsche klingt es nach Weltbürgertum, nach Kosmopolit. Der römische Grandseigneur Jep Gambardella aus dem Film „La grande bellezza“ verkörpert prototypisch das Lebensgefühl, das mit dem Wort einher geht.

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