Lifestyle

„Macht euch die Finger so richtig schmutzig!“

Wie es sich anhört, wenn der derzeit coolste Sommelier Berlins über Essen, Wein und Tischmanieren spricht.

Billy Wagner weiß, wo das Gold liegt. Er hat eine Mission. Und die heißt Brandenburg. Was das nächste große Ding sein wird, der nächste große Trend nach Molekular, Burger& Steaks, nach Streetfood, skandinavischer und spanischer Avantgardeküche, vermag er nicht zu sagen. Aber er weiß schon jetzt eines und wie er es vorträgt, das hat schon etwas sehr Prophetenhaftes an sich: „Ich sage euch: Die nächsten 25, ja 30 Jahre werden im Zeichen der Uckermark, des Havellandes, der Müritz und des Spreewalds stehen.“ Billy Wagner kann man mit gutem Grund als den fanatischsten Sommelier Berlins bezeichnen. Radikal, brutal, kompromisslos sind seine Lieblingsadjektive. In der Berliner Weinbar Rutz wurde der angenehm exzentrische Weinkenner mit Hang zu Dandy-Details zum Star. Seit er vor einem Jahr das Rutz verließ, ist sein Bart noch voller geworden. Jetzt sieht er aus, wie die Männer in Berlin Mitte so aussehen. Wie gepflegte Holzfäller, Sektenmitglieder oder Jung-Propheten.

Sommeliers haftete ja lange Zeit das Image pedantischer Schnösel an. Steife, austauschbare Männer, die langweilige Vorträge halten, von denen man beim ersten Schluck Wein wieder alles vergessen hat. Billy Wagner ist ganz klar Entertainer. Er verkörpert den neuen Berlin-Stil der Sommeliers. „Wenn ich nur über Weine rede, hört mir doch keiner zu. Man muss dem ganzen doch ein Gesicht verleihen.“ Wagner setzt sich nicht nur äußerlich von vielen seiner Kollegen ab, er hat auch verstanden, dass man als Sommelier eine Botschaft haben und die Leute mitreißen muss. Eben fanatisch sein und polarisieren. Das fängt schon beim Namen seines neuen Restaurants an: Nobelhart & Schmutzig. Für Billy Wagner schließen sich feiner Geschmack und Derbheit nicht aus. „Es ist doch so, dass ein richtig gutes Essen auch immer schmutzig endet.“ Besser hätte es Luther wohl auch nicht ausdrücken können. Über allem steht das sinnliche Gesamterlebnis. Ein Wein, ein Gericht muss einen Eindruck, eine Erinnerung hinterlassen. „Ein Gang ist toll, wenn wir uns ganz stark auf das Essen konzentrieren, was so viel heißt, wie das Essen anzufassen. Wenn wir das Essen anfassen, dann gehen wir eine ganz andere Verbindung ein, als wenn wir nur mit dem Besteck essen.“ Wie wenn man am Kotti einen Döner isst. Haptischer geht es nicht.

Den Hype der Materie, die Glorifizierung des Haptischen, grob gesagt, das Handgreifliche, das hat Wagner von den Köchen gelernt. „Köche können ja manchmal ziemlich derbe sein. Diese Derbheit ist aber auch wichtig, weil man sehr nah am Essen ist.“ Wenn Wagner über Wein redet, dann kann er auch richtig derbe werden. Nicht ordentlich gekühlten Rotwein bezeichnet er auch schon mal als „pisswarm“. Da hat er beim Italiener im Sommer schlimme Erfahrungen gemacht. Aperol Spritz, das geht für ihn auch gar nicht. Der Mann hat eben seine Prinzipien. Genauso wichtig wie das Anfassen ist für Billy Wagner aber auch die geschmackliche Symbiose von Essen und Wein. Da gibt er in fast allen Fällen immer die gleiche Empfehlung: Wenn man das Essen im Mund hat, sollte man einen ordentlichen Schluck Wein drauf kippen.

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Von der ganzen Milch endlich rein gewaschen.

Warum der Entertainer Friedrich Liechtenstein im Radialsystem auf der Bühne duscht und die jungen Mädchen über sein Alter rätseln.

L’après-midi d’un Faune“ von Claude Debussy läuft im Hintergrund. Friedrich Liechtenstein hat angekündigt, dass er jetzt tanzen wird. Er steht im dunklen Anzug auf der Bühne des Radialsystems und hat die Sonnenbrille auf. Dass der Entertainer gerne nonchalant in der Welt herum tänzelt, weiß man inzwischen. Seine Musikvideos sind voll von Tanzeinlagen, mal in Berlin-Mitte, mal zwischen Supermarktregalen. Und nun beginnt er auch das Release Konzert zu seinem neuen Album mit einer Art Tanz. Würde man sich einen schelmischen Faun tanzend vorstellen, er sehe genau so aus. Liechtenstein bewegt sich wie ein verzückter Troll. Dann macht er die zweite Ankündigung des Abends: „Ich werde jetzt duschen und die ganze Milch mal abwaschen.“ Liechtenstein knöpft erst das Hemd auf, dann streift er die Hose ab und steht nur noch in roten Socken und Unterhose da. Damit hatte das Publikum ganz sicher nicht gerechnet. Dass ein Entertainer auf der Bühne duscht, kommt ja auch eher selten vor. Im Falle von Liechtenstein hat es aber eine Bewandtnis: Die Milch muss ab. Und nicht irgendeine, sondern die Edeka-H-Milch. Wir erinnern uns: Im Edeka-Werbespot, der Liechtenstein bekannt und zu „Mr. Supergeil“ gemacht hat, badete er in der H-Milch-Hausmarke. Nun greift er zum symbolischen Duschakt, um sein Image als Werbeikone abzuwaschen. Ob die äußerst bedeutungsschwangere Geste beim Publikum vollständig ankam, bleibt offen. Es war auch so ein sehr amüsanter Anblick.

liechtenstein konzert 2Was im ersten Teil mit der Dusche klein anfing, geht nach der Pause groß weiter. Es rauscht. Wieder fließt Wasser. Die Projektion eines gigantischen Wasserfalls taucht vor den Augen des Publikums auf. Ein wild romantisches Bild, es könnte aus einer Freischütz-Opernaufführung stammen. Wer schon mal da war, erkennt ihn wieder: es ist der unersättlich tosende Wasserfall im Zentrum des Alpen-Kurortes Bad Gastein. Jener Ort, der Friedrich Liechtenstein zu seinem neuen Konzeptalbum inspirierte. Darin geht es um Frauen, Sehnsüchte, Enttäuschungen, also all die Erinnerungen, die ein älterer Herr wie Liechtenstein so im Laufe des Lebens anhäuft. Frisch geduscht und in seinen silbergrauen Hausmantel gehüllt, erzählt er davon in seinem Song „Belgique, Belgique“, einer Art fantastischer Autobiografie. Der melancholisch verklärte Rückblick eines Mannes, der viele Rollen und Frauen tauschte. „1958, da war ich das erste Mal in Belgien, in Brüssel, auf der Expo. Ich war damals 30 Jahre alt, ich war freundlich und sah extrem gut aus.“ So beginnt die Geschichte. Wer den Song zum ersten Mal hört, möchte sie für Liechtensteins eigene halten. Ein verrücktes Leben mit unvorhergesehenen Wendungen, das traut man ihm zu. Aber dann wäre er ja jetzt 86 Jahre alt. Zwei Mädchen tuscheln im Publikum: „Ist der wirklich schon so alt? Sieht gar nicht so aus.“

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Was möchte uns Frau von der Leyen damit sagen?

aktiv andersDie Werbeslogans des Bundesministeriums für Verteidigung wollen besonders originell sein, punkten aber nicht gerade mit Aussagekraft und Feingefühl.

Seit Ursula von der Leyen das Amt des Ministers für Verteidigung Ende 2013 übernommen hat, weht ein femininer Wind am Bendlerblock in der Stauffenbergstraße. Riesige Bundeswehr-Werbebanner mit Frauen sind an der Tagesordnung. An sich nichts Besonderes. Schließlich steigt die Zahl der weiblichen Soldatinnen wie auch die Möglichkeiten für Frauen, Karriere bei der Bundeswehr zu machen. Wer aber genauer hinschaut, rätselt über die Botschaft, die von den Plakaten ausgehen soll. Zurzeit prangen dem Passanten drei Adjektive entgegen, daneben das Foto einer freudig lächelnden Frau in blauer Dienstkleidung. Aktiv. Attraktiv. Anders.

Hat man sich so die perfekte Frau bei der Bundeswehr vorzustellen? Als aktiv bezeichnet man im Allgemeinen Frauen, die viel Sport treiben, aber auch solche, die viel Sex haben. Dass die Soldatinnen tätig sind, ist wichtig, keine Frage, aber warum ist es erwähnenswert, dass sie auch attraktiv sind? Da noch ein drittes Adjektiv fehlte, um die A-Trias abzurunden, entschied man sich für „Anders“, was jedoch den Beigeschmack von „Seltsam, andersartig“ hat. Dabei wollte man doch eigentlich sagen „besonders, hervorragend“. Wer über den Slogan nachgrübelt und seinem tieferen Sinn auf den Grund gehen will, der wird auf der Seite der Bundeswehr aufgeklärt. Und siehe da, der Slogan soll gar nicht die Frau bei der Bundeswehr beschreiben, sondern die Bundeswehr selbst. Das macht die Sache leider auch nicht besser.

bundeswehr

Bild gefunden auf: frauenrat.de

Irgendwie seltsam mutete schon der vorherige Bundeswehr-Banner an der gleichen Stelle an. „Schön Bund. Soldatin in der Bundeswehr“ stand auf der Fotografie, die eine junge Frau in Tarnuniform und geschwärztem Gesicht zeigte. Abgesehen davon, dass die zwei losen Wörter keiner grammatikalischen Logik folgen, ist der Titel auch sonst irgendwie unpassend, da ohne klar verständliche Botschaft. Man denkt an romantisch-völkische Mädchenvereinigungen wie „Bund Deutscher Mädel“ oder aber an „schön bunt“. Beide Assoziationen können wohl nicht die Absicht des Auftraggebers gewesen sein. Aber was wollte uns Frau von der Leyen dann damit sagen? Blumen, Mädchen, das Wetter sind schön. Aber die Bundeswehr schön nennen? Das hieße doch, sie auf das Niveau einer gut gelaunten Sonnenschein-Truppe herabzustufen. Man wird das Gefühl nicht los, dass die Ministerin höchstpersönlich an den Slogans mitgetextet hat. Oder die beschäftigte Werbeagentur folgte konsequent dem Leitsatz „Was der Kunde will, bekommt er auch.“

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