Kolumne

Busse sind Berlin- Touris zu langweilig.

Hauptsache, es ist genug Bier da: Bierbike in Berlin (by Amy Dianna flickr.com)

Hauptsache, es ist genug Bier da: Bierbike in Berlin (by Amy Dianna flickr.com)

Warum Berlin sich zur Hauptstadt der Spaßfahrzeuge entwickelt.

In Venedig lässt man sich in einer Gondel durch die Kanäle schaukeln. In Wien wird man großzügig und sehr nostalgisch durch habsburgische Pracht gekutscht. In Amsterdam leiht man sich für Sightseeingtouren ein Fahrrad aus. In London steigt man klassisch in einen der roten Doppeldeckerbusse. Und was machen die Touristen in Berlin? Die fahren nicht mehr alle nur mit dem 200er Stadtbus oder einfach mit der U-Bahn. Besonders den vielen halbstarken Männertruppen, die in Berlin einen drauf machen wollen, sind die altbewährten Beförderungsmittel zu langweilig. Fahrende Biertheken erfreuen sich großer Beliebtheit bei Männergruppen, die wohl der Auffassung sind, dass Reichstag, Brandenburger Tor und Co. im betrunkenen Zustand interessanter aussehen. Wenn sie überhaupt dazu kommen, einen Blick darauf zu werfen. Offiziell heißen diese privaten Kneipen auf vier Rädern „Bierbikes“. Schließlich müssen die Beteiligten das Gefährt durch selbstständiges Treten am Laufen halten. Von sportlicher oder kultureller Betätigung kann aber trotzdem nicht die Rede sein. Nach Etablierung der Bierbikes hatte es nicht lange gedauert, dann kam ein anderer Betreiber darauf, dass sich Seifenkisten-Kolonnen auf den breiten Berliner Boulevards auch gut machen würden. So wundert sich derzeit so mancher Autofahrer, was die kleinen Verkehrshindernisse auf den Straßen zu suchen haben. Aber wo sollten sie auch sonst fahren? Die Fahrradwege werden schließlich schon von Segways, Rikschas, Fahrrädern (ja auch denen) und Schulklassen eingenommen. Doch das ist längst nicht alles, das dem Spaßtouristen geboten wird. Die ganz Bräsigen, die nicht mal mehr Bier trinken wollen, können sich, unter eine Bettdecke gekuschelt, durch Berlin fahren lassen. In einem Bett liegend. Das nennt sich dann „Berlin horizontal“. Diejenigen, die sich jetzt wild fummelnde Pärchen auf vier Rädern vorstellen, werden leider enttäuscht. Es sind ja doch nur faule Touristen, die denken, dass es eine besonders originelle Idee sei, eine Stadt im Liegen zu entdecken. Auch die prolligen Stretchlimousinen, die hier und da den Corso auf- und abfahren, beeindrucken keinen mehr. Als ob man nicht wüsste, dass hinter den getönten Scheiben nichts weiter als ein lärmender Junggesellenpulk sitzt. Nicht auszudenken, wozu sich Leute noch hinreißen lassen werden. Espresso-Bikes, Barbecue-Bikes, Sex-Bikes, alles scheint möglich.

Wo führt dieser Spaßtourismus hin? Übertreibt es Berlin mit seiner unlimitierten Spaßtoleranz? Wollte die Stadt nicht irgendwann mal sexy sein? Berlin hat ganz offensichtlich ein Problem: Die Stadt möchte von allen gemocht werden und weist keinen wirklich zurück. Etikette gibt es nicht, vor allem nicht für Touristen. Wer möchte schon als Spaßverderber abgestempelt werden? Berlin nicht. Die Stärke der Stadt, mit allem Neuen, mit jeglichem Eindringen von außen lässig umzugehen, ist auch ihre Schwäche. Sie ist der Nährboden für Verrücktes, Abartiges, Prolliges, Ungewöhnliches. Viele Touristen kommen nach Berlin, um endlich mal die Sau raus zu lassen. Hier machen sie das, was sie sich in ihrer Provinzheimat nicht trauen: sich daneben benehmen, wild und ausgelassen sein, sich anders anziehen und provozieren. Das ist leider alles andere als sexy.

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Kunst

Jahrmarktszauber

Neonlicht, Büdchen und ein Goldfisch im Edelsteinbehälter: Die Berliner Kunstmesse abc präsentiert sich als bunte Zirkusnummer.

Neon scheint ja jetzt schwer angesagt zu sein. Das wird dem Besucher der abc Kunstmesse in der Station am Gleisdreieck dieses Jahr schon am Eingang klar. Am Dach des früheren Bahnhofs sind allerlei Neon-Comicfigürchen angebracht. Als Dekoration ist das ja ganz witzig. Aber auch im Inneren haben die Künstler bei ihren Werken nicht am Neonlicht gespart. Es ist eben ein gutes Mittel, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Auch auf etwas, das eher mittelmäßig ist. Es ist ein besonders grelles Licht und die Augen können sich nicht wehren. Wie bei Leuchtreklame. Die Frage, warum man jedoch jeden x-beliebigen, uninspirierten Satz gleich als Neonschrift an die Wände bringen muss, weil man denkt, in Neon wäre er originell und Kunst, stellt sich unweigerlich. Nach einem kurzen Rundgang durch die abc, die sich selbst als Plattform für internationale Galerien und Künstler sieht, wird klar: Viele der ausgestellten Werke sind vor allem auf schnelle Konsumierbarkeit hin angelegt. Zum längeren Sinnieren wird man erst gar nicht verleitet. Man soll nicht über die Kunstobjekte nachdenken, man soll in sie hineinspazieren wie in ein Zirkuszelt, man soll in sie hineingucken und staunen wie in einer Wunderkammer. Gleich in der Eingangshalle steht eine Box. Aus dem Inneren strahlt das blaue Licht der Neonröhren. Beim Herantreten entpuppt sich der Kasten als Ein-Mann-Bar. Die „Bar der Einsamkeit“, wie die Dame daneben erklärt. Während hier jedoch ein einsamer Trinker zum Begaffen fehlt, kann man an anderer Stelle in der Halle einem schwarz bemalten Wilden beim Herumsitzen in einer Art Jahrmarktsbude zuschauen. Das Innere des Büdchens nennt sich dann auch Mad Animal Room. Wer nun denkt, das wäre es mit der Attraktion gewesen, irrt. Mehr noch als der ungewaschene Wilde zieht ein anderes Arrangement den Blick der Besucher auf sich: Inmitten der ganzen bunten Kunst hängt ein Amethystdruse. Und weil ein Edelstein allein langweilig gewesen wäre, hat ihn der Künstler mit Wasser gefüllt und einen Goldfisch hineingesetzt.

http://www.artberlincontemporary.com/de/

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