Stil

Man sieht damit aus, als müsse man keinem Brotberuf nachgehen.

Einsteckblumen sind Chichi von gestern. Das Knopfloch im Revers muss deswegen aber nicht leer bleiben …

In der Männerabteilung des Berliner Mode-Kaufhauses Quartier 206 steht eine Bonbonniere. Ihr Inhalt ist so leuchtend bunt, dass man sie nicht übersehen kann. Doch Süßigkeiten sind nicht darin. Sie ist angefüllt mit kleinen Schleifen, gepunktet, gestreift, mit Augen drauf. Die erste Reaktion der Frauen, die mit ihren Männern shoppen gehen und daran vorbeikommen, ist immer die gleiche, wie Store-Manager Italo Rossi erzählt: „Die Frauen sehen die, stürzen sich darauf und sagen: ‚Och, ist das süß.‘ Das ist ja keine Reaktion, die man typischerweise von einem Mann kennt.“ Stimmt. Dass Männer mal „Oh, ist das süß“ sagen, kommt doch eher selten vor. Schnell wird einem klar, dass vor allem die Frauen den Absatz der bunten Miniatur-Bow-Ties beflügeln. Das freut den jungen Designer Dennis Steinborn natürlich. Er hatte die kleinen Anstecker schließlich für beide Geschlechter erdacht. Zu bunten Sakkos passen die unifarbene Modelle, bei schlichten Sakkos setzen dagegen die bunten Schleifen Akzente. Mutige Männer kombinieren die kleinen Dinger zu Dennis‘ farbenfrohen Einstecktüchern. Die Krawatte oder Fliege sollte man dann aber weglassen und sich der weisen Worte Coco Chanels erinnern: „Zum Schluss eines weg.“ Es soll ja nicht zur Zirkusnummer werden. gepunktete einstecktücherHat die kleine Schleife das Zeug dazu, die neue Boutonnière, die verspielte, unernste Variante der Knopflochblume zu werden? Im 19. Jahrhundert diente die Boutonnière dem Dandy noch als Ausdruck seines Müßiggangs und war extrem schick. Oscar Wilde kombinierte Blume im Reversknopfloch mit Einstecktuch. Heute gilt sie als lächerlicher Putz modischer Nostalgiker. Abgesehen davon, dass die meisten Männer keine Lust mehr haben, den Aufwand mit Blumenbehälter und Wässerchen zu betreiben. Accessoires für modebewusste Männer müssen heute einfach zu handhaben sein, spontan, individuell und auch ein bisschen schrill. Die neue Generation Dandy experimentiert mit Einstecktüchern, Fliegen und auffälligen Ansteckern. Und sieht damit auch weiterhin so aus, als müsse sie keinem Brotberuf nachgehen. Berliner Designer wie Dennis Steinborn interpretieren gerade den Reversschmuck neu. Oder Christoph Tophinke: In seinem Berliner Laden mit dem Oldschool-Namen Chelsea Farmers Club gibt es gehäkelte Minitaturblumen für’s Reversknopfloch. Klingt auch sehr oldschool, kommt aber gut an. Es gibt schon eine große Fangemeinde, die seine Häkelblumen trägt. Männliche Leser, die jetzt denken, ich sehe mit dem einen wie dem anderen schwul aus, werden sich wundern, wenn ihnen ihre Freundin demnächst etwas ans Revers steckt.

http://www.14-03.de

http://www.chelseafarmersclub.de

Departmentstore Quartier 206, Friedrichstraße 71, Berlin-Mitte

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3 Gedanken zu “Man sieht damit aus, als müsse man keinem Brotberuf nachgehen.

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